Vergleich römischer und griechischer Errungenschaften
Gleich zu Beginn erklärt Cicero, was er mit seinem Werk erreichen will, und führt dabei die These an, die er im gesamten restlichen Proömium weiter verfolgt: „hoc [i. e. studium sapientiae] mihi Latinis litteris inlustrandum putavi, non quia philosophia Graecis et litteris et doctoribus percipi non posset, sed meum semper iudicium fuit omnia nostros aut invenisse per se sapientius quam Graecos aut accepta ab illis fecisse meliora, quae quidem digna statuissent, in quibus elaborarent“ [12].
Cicero teilt also die Eigenschaften, in denen er die Römer und Griechen vergleicht, in drei Gruppen ein. Zunächst ist da die Gruppe der Fähigkeiten, die seine Landsleute selbst erfunden haben und die nach der Erfindung bereits besser waren als die gleichen Fähigkeiten bei den Griechen. Als Zweites gibt es Fähigkeiten, die die Römer zwar von den Griechen übernommen, anschließend aber verbessert haben. Und schließlich bleibt, wenn auch nicht ausdrücklich, so doch impliziert, die Gruppe der Fähigkeiten, die die Römer gar nicht des Übernehmens für würdig erachteten. Für jede dieser drei Gruppen nennt Cicero im weiteren Fortlauf des Proömiums Beispiele.
Die Sitten und Lebenseinrichtungen, Familiäres und Häusliches hätten die Römer auf alle Fälle besser und mit mehr Anstand angesehen, und besonders den Staat, so Cicero weiter, hätten die maiores ohne Zweifel mit besseren Ämtern und Gesetzen eingerichtet. [13] Cicero verwendet für diesen letzten Ausdruck das Verb ‚temperare‘, das wörtlich ‚mischen‘ bedeutet, und nimmt damit auf die von ihm in seiner Schrift De Re Publica als optimale Staatsform propagierte Mischverfassung Bezug.
Hohe Überlegenheit der Römer
Nun kommt er auf die res militaris, das Militär, zu sprechen. Mit der rhetorischen Frage „quid loquar de re militari?“ [14] zeigt er dem Leser, dass es auf diesem Spezialgebiet der Römer keiner weiteren erklärenden Worte mehr bedarf: „in qua cum virtute nostri multum valuerunt, tum plus etiam disciplina.“ [15] Allein durch ihre virtus seien sie schon sehr stark, durch die ihnen eigene disciplina jedoch noch viel mehr.
Obwohl er diesen Punkt in nur wenigen Worten behandelt, wird er durch seine pointierte und gezielte Ausformulierung große Wirkung auf den Leser gehabt haben. Die rhetorische Frage als Einleitung, in der Antwort die cum-tum-Konstruktion als Rahmen der beiden Satzhälften, der Chiasmus in der Form virtute – multum – valuerunt, – plus – disciplina, der sich symmetrisch im Prädikat valuerunt kreuzt, und nicht zuletzt die für die Römer so bedeutungsvollen Wörter virtus und disciplina zeigen eindrucksvoll die perfekt durchdachte Textkonstruktion, in der jede Silbe und jedes Wort wohl gewählt ist.
Mit hohen Ansprüchen fährt Cicero fort. Auf den Gebieten, auf denen von Natur aus, natura, und nicht durch wissenschaftliche Tätigkeit, litteris, etwas erreicht werden kann, können die Römer weder mit den Griechen, noch mit irgendwelchen anderen Völkern verglichen werden. Mit einer weiteren rhetorischen Frage zählt Cicero nun römische Tugenden auf. Nirgendwo gebe es solch große Würde, solch große Ausdauer, Mut, Tüchtigkeit, Treue, kurz: eine solch hervorragende virtus auf allen Gebieten. [16]
Eingeständnis römischer Unterlegenheit
Nach dieser Lobrede auf die natura des Römers wendet sich Cicero den litterae der Griechen zu und gesteht ein, dass diese seine Landsleute hinsichtlich ihrer Gelehrsamkeit und ihrer verschriftlichten Wissenschaften übertrafen. Jedoch sei es leicht gewesen, die Römer darin zu besiegen, da sie ja keinen Widerstand leisteten. [17] Cicero verwendet hierfür mit den beiden Verben vincere und repugnare Vokabular aus dem militärischen Bereich. Dadurch verschafft er der Aussage größere Aufmerksamkeit und verursacht gleichzeitig beinahe Empörung wie über eine Person im Kampf, die einen Gegner schlägt, der sich nicht wehrt. Dieses Verhalten ist für den Sieger natürlich äußerst unehrenhaft und er ist des Sieges eigentlich nicht würdig. So ruft Cicero zur Überlegenheit der Griechen auf diesem Gebiet eine negative Konnotation hervor.
Zudem führt er einige Beispiele an, mit denen er deutlich macht, was er mit non repugnare genau meint. Der Dichtkunst sei bei den Griechen viel früher als bei den Römern nachgegangen worden, Malerei und Musik war in Rom nicht angesehen. Insgesamt behandelt Cicero dieses Thema sehr ausführlich. Der Abschnitt mit der Aufführung von Personen, die gedichtet, gemalt oder musiziert haben nimmt einen vergleichsweise großen Teil des Proömiums ein [18], Cicero ist es also wichtig, die geringe Leistung der Römer in diesen Fähigkeiten eingehend zu rechtfertigen.
In aller Kürze befasst sich Cicero hingegen mit der Mathematik. [19] Bei den Griechen seien Mathematiker sehr angesehen gewesen, die Römer aber – Cicero verwendet für diesen Gegensatz die sehr stark adversative Konjunktion ‚at‘ – hätten sich in dieser Kunst aufs Messen und Rechnen beschränkt, soweit dies eben für sie nützlich war. Beinahe süffisant wirkt Cicero in diesen wenigen Zeilen. Natürlich muss er auch hier, wie im vorigen Abschnitt, kaschieren, dass die Römer den Griechen auf diesem Gebiet unterlegen sind. Doch macht er das bei der Mathematik schlicht und einfach, indem er sie in die anfangs erwähnte dritte Gruppe der Fähigkeiten einordnet, die der Römer als der Beschäftigung gar nicht würdig einstuft.
Rhetorik
Auch der nächste Satz wird mit den beiden einleitenden Wörtern ‚at contra‘ in starken Gegensatz zum vorherigen gestellt. Das überrascht wenig, denn Cicero kommt nun – nach dem Militär – zu einem weiteren Spezialgebiet der Römer, der Redekunst. Nach der Erwähnung einiger berühmter Namen als Beispiele für die hoch entwickelte Rhetorik in Rom zieht er den Schluss, dass seine Landsleute die Griechen in dieser Fähigkeit praktisch eingeholt hätten. [20] Obwohl sich Cicero freilich nicht explizit in die Liste der berühmten Redner aufnimmt, so war ihm natürlich bewusst, dass er selbst als der größte Redner in Rom galt. Die Aussage „inde ita magnos [oratores] nostram ad aetatem [fuisse traditum est], ut non multum aut nihil omnino Graecis cederetur“ [21] nach der Nennung der anderen Redner ist daher auch zum größten Teil Eigenlob.
Thema der Tusculanen: Philosophie
Schließlich kommt Cicero auf das Gebiet zu sprechen, das zu seinem Thema in den Tusculanen werden soll, auf die Philosophie. Ohne Umschweife gesteht Cicero ein, dass sie bis in seine Zeit brach gelegen sei und dass es nun seine Aufgabe sei, sie ins Licht zu rücken und aufzuwecken. Als Grund dafür, warum das nötig sei, nennt er seine Absicht, seinen Mitbürgern nicht nur nützen zu wollen, solange er ein politisches Amt bekleide, sondern auch während der Zeit seines otium, also im Zeitraum seiner politischen Untätigkeit. Umso mehr müssten die Römer sich auf diesem Gebiet bemühen, da es zwar schon philosophische lateinische Texte gebe, sie aber Ciceros Ansprüchen nicht genügen und nach seinem Ermessen nicht viel wert seien. [22]
Bei dieser Bemühung dürfe allerdings die eloquentia nicht vernachlässigt werden, denn Cicero hält die Philosophie nur dann für vollendet, wenn sie sich mit eloquentia vereinigt. Für seine Erörterungen in Tusculum habe er sich diese Verbindung zum Vorsatz genommen. [23] Damit leitet er zum Hauptteil des ersten Buches der Tusculanae Disputationes über.
Weiterlesen: Proömium des zweiten Buches
Anmerkungen:
[12] Cic. Tusc. 1, 1.
Ich glaubte, dies [d. h. das Bemühen um Weisheit] in lateinischer Sprache beleuchten zu müssen, nicht weil man sich die Philosophie aus griechischen Werken und von griechischen Lehrern nicht zu Eigen machen könnte. Doch war ich immer der Meinung, dass die Unseren alles entweder von sich aus klüger erfunden haben als die Griechen, oder das verbessert haben, was sie von ihnen übernommen haben und was sie freilich für würdig erachteten, dass sie sich darin bemühten.
[13] Vgl. Tusc. 1, 2.
[14] Tusc. 1, 2.
Was soll ich über unser Militär sagen?
[15] Tusc. 1, 2.
Darin haben die Unseren durch Tapferkeit viel vermocht, noch mehr aber durch Zucht.
[16] Vgl. Tusc. 2, 1.
[17] Vgl. Tusc. 1, 3.
[18] Vgl. Tusc. 1, 3f.
[19] Vgl. Tusc. 1, 5.
[20] Vgl. Tusc. 1, 5.
[21] Tusc 1, 5.
Es wird überliefert, dass es dann auch bis in unsere Zeit so große Redner gab, dass wir den Griechen kaum oder überhaupt nicht nachstanden.
[22] Vgl. Tusc. 1, 6.
[23] Vgl. Tusc. 1, 7.
Literatur:
Cic. Tusc = M. Tulli Ciceronis scripta quae manserunt omnia. Fasc. 44. Tusculanae Disputationes, ed. M. Pohlenz, Stuttgart 1965.