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Proömium des zweiten Buches

Languens Graecia

Im Proömium zum zweiten Buch der Tusculanen spielen die Griechen nicht die zentrale Rolle, die sie im ersten Proömium innehatten. Sind dort Formen von ‚Graeci‘ oder ‚Graecia‘ nicht weniger als zwölf Mal zu finden, werden die Griechen und Griechenland im zweiten Proömium nur drei Mal erwähnt. Quantitativ treten sie also vor den übrigen behandelten Gedanken in den Hintergrund. Nichtsdestotrotz sind die drei Stellen, in denen sie auftreten, für die Interpretation Ciceros Griechenbildes sehr ergiebig.

Erst als der Leser schon beinahe bei der Hälfte des Proömiums angelangt ist, stößt er zum ersten Mal auf den Begriff ‚Graecia‘: „Quam ob rem hortor omnis, qui facere id possunt, ut huius quoque generis laudem iam languenti Graeciae eripiant et transferant in hanc urbem, sicut reliquas omnis, quae quidem erant expetendae, studio atque industria sua maiores nostri transtulerunt.“ [24]

Das Epitheton ‚languens‘, mit dem Cicero an dieser Stelle Griechenland konnotiert, zeigt sehr genau, welches Bild von den Griechen er zeichnen will. Griechenland sei schon im erschlaffenden Zustand, besitze aber ungerechtfertigterweise noch den Ruhm der Philosophie. Seine und seiner Landsleute Aufgabe  sei es nun, Griechenland diesen Ruhm zu entreißen und nach Rom zu tragen [25] – mit allem übrigen Erstrebenswerten hätten sie das bereits getan, wie ja schon im ersten Satz des Proömiums zum ersten Buch nachgelesen werden kann. Cicero sieht sich also als der Römer, der schließlich mit der Philosophie noch die letzte Bastion der Griechen zu Fall bringen wird.

Drastische Wortwahl

Das will er schaffen, indem er sie in lateinischer Sprache etabliert: „philosophia nascatur Latinis quidem litteris“[26]. So will er die griechischen Bibliotheken – und damit natürlich die gesamte griechische Literatur – überflüssig machen: „Quodsi haec studia traducta erunt ad nostros, ne bibliothecis quidem Graecis egebimus, in quibus multitudo infinita librorum propter eorum est multitudinem, qui scripserunt.“[27]

Wie aufgezeigt wurde, spricht Cicero im Proömium zum zweiten Buch sehr deutlich aus, welches Ziel er verfolgt. Auch in seiner Wortwahl wird er drastischer: Er will Griechenland seinen Ruhm ‚entreißen‘, die Griechen hätten alles mit Büchern ‚voll gestopft‘, in denen sowieso oft nur das gleiche stünde [28]. Im Vergleich zum Proömium des ersten Buches, wo er Römer und Griechen vergleichend und relativ sachlich nebeneinander stellt, stellt er hier die konkrete Forderung an sich und seine Landsleute, Rom zur neuen Hauptstadt der Philosophie zu machen.

Weiterlesen: Weitere Stellen zum Griechenbild Ciceros in den Tusculanen

Anmerkungen:

[24] Tusc. 2, 5.

Deshalb ermuntere ich alle, die es können, dass sie auch auf diesem Gebiet den Ruhm dem schon erschlaffenden Griechenland entreißen und in diese Stadt herübertragen, so wie alles Übrige, wenn es freilich zu erstreben war, unsere Vorfahren mit ihrem Eifer und Fleiß herübergetragen haben.

[25] Diese Vorstellung des Hinübertragens zu den Römern erinnert an die im Punkt 2. 1. erwähnte Anekdote in Plutarchs Biographie Cicero, wo dieser Apollonius den Ausdruck ???????? ??????????? verwenden lässt.

[26] Tusc. 2, 5.

Die Philosophie soll in lateinischer Sprache geboren werden.

[27] Tusc. 2, 6.

Wenn nun diese Wissenschaft zu uns herübergebracht worden ist, werden wir nicht einmal mehr die griechischen Bilbiotheken brauchen, in denen eine unendliche Anzahl von Büchern steht wegen der Vielzahl der Leute, die etwas geschrieben haben.

[28] Vgl. Tusc 2, 6.

eadem enim dicuntur a multis, ex quo libris omnia referserunt.

Es wird nämlich von vielen das gleiche gesagt, daher stopfen sie alles mit Büchern voll.

Literatur:

Cic. Tusc = M. Tulli Ciceronis scripta quae manserunt omnia. Fasc. 44. Tusculanae Disputationes, ed. M. Pohlenz, Stuttgart 1965.