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Conclusio zu Ciceros Griechenbild

Welches Griechenbild hatte Cicero? Wie war sein Verhältnis zu Griechenland? In seinen Schriften blickt er auf die Griechen herab, was er auch tun muss, wenn er als vir vere Romanus gesehen werden will und nicht als verweichlichter Griechenfreund. Denn dass die Griechen und die griechische Lebensweise von den Römern verachtet wurden, sieht man schon an lateinischen Wörter wie ‚pergraecari‘, was in etwa ‚in Saus und Braus leben‘ bedeutet, oder am Wort ‚Graeculus‘, auf das im Punkt 2. 2. 3. näher eingegangen wurde.

Ciceros Rechtfertigung

Nun war es aber „Cicero von Jugend auf ein Bedürfnis, sich mit Philosophie zu befassen“[44], was zu dieser Zeit jedoch eine typisch griechische Beschäftigung war. Eine schwierige Situation für Cicero: „Plutarch steht in einer Tradition, in der er seine Beschäftigung mit philosophischen Problemen nicht eigens zu rechtfertigen braucht; die Philosophie ist ein Teil des glanzvollen Erbes seiner eigenen Nation. Bei Cicero ist dies anders. Er versteht sein Unternehmen, seinen Mitbürgern griechische Philosophie in lateinischer Sprache darzubieten, als etwas völlig Neues und schon darum der Rechtfertigung dringend Bedürftiges.“[45] Cicero versucht diese Rechtfertigung, indem er seine Landsleute bei ihrer Ehre packt. Er zeichnet ihnen eine Welt, in der das einzige Monopol, das die Griechen noch innehaben, nämlich ihre Hinterlassenschaft an philosophischen Schriften, zu guter Letzt auch noch von den Römern übernommen wird.

Nun darf sich ein Cicero natürlich nicht dem Vorwurf aussetzen, die griechischen Werke einfach nur übersetzt zu haben. Um seinem Anspruch aus dem Proömium des ersten Tusculanenbuches, dass die Römer alles von den Griechen Übernommene verbessern, gerecht zu werden, muss er seine Vorlagen mit seinen eigenen Gedanken bereichern. Dass das offenbar sein Ziel war, wurde im Proömium des ersten Buches von De finibus bonorum et malorum gezeigt. Ob er sein Ziel erreicht hat, darüber gehen die Meinungen im Laufe der Rezeptionsgeschichte stark auseinander.

„Es versteht sich von selbst, daß Cicero niemals das gewesen ist, was man einen schöpferischen Philosophen zu nennen pflegt. Er trägt keinen einzigen philosophischen Gedanken vor, den er nicht bei einem der Griechen vorgefunden hätte.“[46] Anderer Meinung ist Knoche. Er nennt Cicero zwar einen „Mittler griechischer Geisteskultur“[47]. Doch für ihn ist der Mittler „vielmehr ein selbständiger, schöpferischer Geist“[48]. Cicero seine schöpferische Kraft abzusprechen, geht sicherlich zu weit. Selbst wenn er wirklich nur Übersetzer war, wurde er schöpferisch tätig, etwa in der Übertragung griechischer philosophischer Termini, wovon Beispiele im Punkt 2. 2. 3. zu finden sind.

Neid auf die Griechen

Man darf jedoch die Intention Ciceros, die Fuhrmann herausgestellt hat, nicht außer Acht lassen. Cicero will Philosoph sein, und „[w]enn Cicero in Griechenland gelebt hätte, wäre er vielleicht Philosoph geworden.“[49] Zu seinem Leidwesen ist er aber ein Römer mit stolzgeschwellter Brust und kann es kaum ertragen, dass sich die Nachwelt, denkt sie an berühmte Philosophen der Antike, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht seiner erinnern wird, sondern ihr zuerst die Namen Sokrates‘, Platons und Aristoteles‘ einfallen werden. Seine Befürchtung hat sich bewahrheitet. „The safest general characterization of the European philosophical tradition is that it consists of a series of footnotes to Plato.“[50] Das Griechenbild Ciceros zeichnet sich vor allem durch diesen tiefen Neid auf die Griechen aus.

Anmerkungen:

[44] Fuhrmann (2005) 214.

[45] Gigon (1973) 248.

[46] Gigon (1973) 240.

[47] Knoche (1959) 58.

[48] Knoche (1959) 65.

[49] Fuhrmann (2005) 213.

[50] Whitehead (1985) 39.

Die sicherste allgemeine Charakterisierung der europäischen phlosophischen Tradition lautet, dass sie aus einer Reihe von Fußnoten zu Platon besteht.

Literatur:

Fuhrmann (2005) = Fuhrmann, Manfred: Geschichte der römischen Literatur, Stuttgart 2005.

Gigon (1973) = Gigon, Olof: Cicero und die griechische Philosophie, ANRW I, 4 (1973) 226-261.

Knoche (1959) = Knoche, Ulrich: Cicero. Ein Mittler griechischer Geisteskultur, Hermes 87 (1959) 57-74.

Whitehead (1985) = Whitehead, Alfred North: Process and Reality. An essay in cosmology, New York 1985.