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Proömium des ersten Buches von De finibus bonorum et malorum

Zur Abrundung Ciceros Griechenbildes soll nun in eines seiner anderen Werke geblickt werden. Als lohnend erweist sich hierfür wiederum ein Proömium, und zwar das des ersten Buches aus seiner Schrift De finibus bonorum et malorum. Diese entstand, wie zahlreiche seiner anderen philosophischen Schriften, darunter auch die Tusculanae Disputationes, im Jahre 45 vor Christus[36].

Rechtfertigungen

Cicero beginnt das Proömium mit der Erklärung, dass er, als er griechische Gedanken ins Lateinische übertrug, bereits darauf vorbereitet gewesen sei, dass es verschiedene Leute geben würde, die ihn dafür kritisieren würden[37]. Interessant ist im Folgenden Ciceros Verteidigung dieser Übertragungen. Zunächst zieht er dabei als Beispiele lateinische Erzählungen heran, die aus dem Griechischen stammen, wie die Medea des Ennius und die Antiopa des Pacuvius, deren Stoff schon von Euripides verarbeitet wurde. Trotzdem müsse man seiner Meinung nach die lateinischen Versionen lesen: „Rudem enim esse omnino in nostris poetis aut inertissimae segnitiae est aut fastidi delicatissimi“[38].

Cicero selbst will aber nicht nur die Rolle eines Übersetzers einnehmen, sondern die Werke der griechischen Autoren, die er für gut hält, auch noch mit seinem eigenen Urteil ergänzen und auf seine Weise ordnen. Gigon nimmt an, dass diese Ordnung dringend nötig war, da Ciceros griechische Vorlagen äußerst umfangreich, und oft „breit und umständlich angelegt gewesen sein müssen“[39].

Redundanz der griechischen Literatur

Weiter schreibt Cicero, es gebe dann keinen Grund mehr, die griechischen Originale zu lesen, wenn die lateinischen Versionen wohl formuliert und nicht nur Übersetzungen aus dem Griechischen sind[40]. Des Weiteren wolle er nicht komplette Texte übersetzen, wie die Dichter es mit den Theaterstücken getan hätten, sondern sich nur bestimmte Stellen aussuchen, die ihm gefallen[41]. Einige Leute verabscheuten lateinische Literatur, die auf griechischen Vorlagen beruht. Dies habe jedoch nur geschehen können, weil die griechischen Vorlagen selbst bereits unkultiviert und rau gewesen seien[42].

Ciceros letztes Argument für die Beschäftigung mit Philosophie in lateinischer Sprache ist schon aus verschiedenen Stellen in den Tusculanen bekannt: „sed ita sentio et saepe disserui, Latinam linguam non modo non inopem, ut vulgo putarent, sed locupletiorem etiam esse quam Graecam.“[43] Dieser Satz korrespondiert mit den Beispielen, die im Punkt 2. 2. 3. dargestellt wurden und in denen Cicero mit der beschriebenen ‚nos melius‘-Ausdrucksweise die lateinische über die griechische Sprache stellt.

Wenn man mit den Proömien der ersten beiden Bücher und mit den in 2. 2. 3. erwähnten übrigen Stellen der Tusculanen vertraut ist, wird man im Proömium zu De finibus bonorum et malorum inhaltlich nicht viel Neues finden. Der Unterschied besteht eher in der Form und in der Herangehensweise an das, was Cicero zum Ausdruck bringen will. Im Proömium des ersten Tusculanenbuches deckt Cicero eine Vielzahl von verschiedenen Fertigkeiten ab, in denen er die Leistungen der Griechen und Römer vergleicht und feststellt, dass die Römer im Grunde in allem besser sind. Im Proömium des zweiten Buches beschränkt er sich auf die Philosophie und fordert deutlich und mit sehr radikalen Worten, die Griechen auf diesem Gebiet überflüssig zu machen. Und auch im zuletzt behandelten Proömium widmet sich Cicero der Philosophie, hier erklärt und verteidigt er jedoch konkret, wie er bei seinen Übertragungen griechischer Werke vorzugehen pflegt.

Weiterlesen: Conclusio zu Ciceros Griechenbild

[36] Vgl. Stroh (2008) 126.

[37] Vgl. Cic. Fin. 1, 1.

[38] Fin. 1, 5.

Denn in unseren Dichtern gänzlich ungebildet zu sein ist äußerst einfältige Gleichgültigkeit oder sehr verwöhnte Verachtung.

[39] Gigon (1973) 241.

[40] Vgl. Fin. 1, 6.

[41] Vgl. Fin. 1, 7.

[42] Vgl. Fin. 1, 8.

[43] Fin. 1, 10.

Aber so denke ich und ich habe es oft erörtert: Latein ist nicht nur keine mittellose Sprache, sondern sogar besser ausgestattet als die griechische.

Literatur:

Cic. Fin. = M. Tullius Cicero. Scripte quae manserunt omnia. Fasc. 43. De finibus bonorum et malorum, ed. Claudio Moreschini, München/Leipzig 2005.

Gigon (1973) = Gigon, Olof: Cicero und die griechische Philosophie, ANRW I, 4 (1973) 226-261.

Stroh (2008) = Stroh, Wilfried: Cicero. Redner, Staatsmann, Philosoph, München 2008.